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Auf die Sprache achten

In einem kleinen, aber eindrücklichen Büchlein analysiert der Germanistikprofessor Heinrich Detering die Sprache der parlamentarischen Rechten. Pröpstin Puttkammer hat dieses Buch mit großem Interesse gelesen. Lesen Sie hier ihre Rezension.

„Sie haben die unglaubliche Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.“

Dies Briefzitat von Thomas Mann (1936) eröffnet das kompakte Reclam-Bändchen von Heinrich Detering, Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft in Göttingen. Wenn er die Reden von AfD-Politikerinnen und -politikern, allesamt in Parlamenten aktiv, analysiert, so nutzt er dazu die wissenschaftlich bewährten Mittel seiner Zunft. Detering nimmt also nicht isolierte Wörter in den Blick, sondern vor allem „ihre Kontexte, ihre Pragmatik und ihre Performanz. Es geht um Stilanalyse und Rhetorik… Ich unterziehe sie demselben close reading, mit dem ich mich in meiner wissenschaftlichen Forschung und Lehre auch Gedichten und Prosatexten der Literaturgeschichte zuwende“. (S. 8f)

Das Ergebnis seiner Analyse sollte jeden aufrechten Demokraten und jede engagierte Christin erschaudern lassen. Klar tritt vor Augen, wie Björn Höcke sein Wort vom „Denkmal der Schande“ wirklich gemeint hat: nämlich in der Tat als schändliches Denkmal! Detering weist eindrücklich nach, dass Beatrix von Storch ihre Überzeugung, dass an der Grenze auf Asylsuchende geschossen werden sollte, ebenso ernst meint wie Alexander Gauland seine Imagination, eine türkisch-stämmige Politikerin in Anatolien zu entsorgen. Nicht nur der sog. „Flügel“ der AfD vertritt rassistische und völkisch-nationale Tendenzen, sondern auch die angeblich gemäßigten Repräsentanten, die sich bildungsbürgerlich geben und gerne auf Goethe, Lessing und Fontane berufen. Es wäre fast vergnüglich zu lesen, wie Detering insbesondere solche Reden analysiert, in denen Gauland die deutschen Klassiker bemüht – wäre es im Ergebnis nicht so entlarvend, verstörend und bedrohlich.

Deterings kurze, aber umso eindringlichere Publikation erwuchs aus einem Vortrag vor dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken im November 2018 und daran sich anschließenden Veröffentlichungs- bzw. Interviewanfragen der Frankfurter Rundschau und anderen Zeitungen. Ist es übertrieben, wenn die Rezensentin befürchtet, dass auch der Name „Heinrich Detering“ nun auf Listen steht, die in rechten Kreisen kursieren und von denen wir seit Mitte 2019 verstärkt auch öffentlich Kenntnis nehmen?

Die Lektüre führt deutlich vor Augen: Für wesentliche Meinungsbildner der parlamentarischen Rechten, „sind alle, die heute in Deutschland leben und sich zu Demokratie, Westbindung, offener Gesellschaft bekennen, Volksfeinde und Verräter – im günstigsten Fall noch irgendwie `zurückzuholen´, an den schlechtesten mag man gar nicht denken“ (S. 29). In der Logik führender rechter Parlamentarier gehören jedenfalls Detering, ebenso auch ich und die meisten Menschen, mit denen ich lebe, arbeite und glaube, nicht zum „Wir“ des deutschen Volkes.

 

 

Heinrich Detering:

Was heißt hier „wir“?

Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten

Stuttgart/Ditzingen 2019, 60 Seiten, 6 Euro


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