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Klare Werte, klare Kante.

Interview zum wachsenden Populismus

Zunehmender Populismus in der Gesellschaft und Hass in sozialen Netzwerken. Auf der anderen Seite die Kirche mit Werten wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Die Pröpstin der evangelischen Propstei Nord-Nassau, Annegret Puttkammer, fordert von Christen klare Kante beim Thema Rechtspopulismus. Lesen Sie dazu ein Interview mit dem Herborner Tageblatt.

Was in den vergangenen Jahren viele Menschen bewegt hat, war das Flüchtlingsthema. Welche Reaktionen haben Pfarrer erhalten, wenn sie es in Predigten angesprochen haben? Gab es Widerspruch im Anschluss oder sogar während der Gottesdienste?

Es ist mir nicht bekannt, dass es während der Gottesdienste Proteste gegeben hätte. Aber natürlich wird auch in den Kirchengemeinden intensiv über das Thema diskutiert. Viele Kirchenmitglieder engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Und es wird letztlich auch von uns erwartet, dass wir uns schützend vor sie stellen.

Das Thema hat die Gesellschaft gespalten. Wie kann Kirche versöhnen?

Kirche kann dadurch versöhnen, dass Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen miteinander ins Gespräch kommen - und zwar in einem geschützten Raum. Das wird zum Beispiel von unseren Bildungsreferenten angeboten und von unserer Akademie.

Wie sehen diese Angebote aus?

In der Regel sind es Gesprächsreihen, also Vorträge mit Diskussionen, aber auch Bibelgesprächskreise. Oft kommt man auch über Filme ins Gespräch und bei Angeboten der Diakonie.

Aber dort erreichen Sie viele Menschen nicht.

Nein. Aber wir erreichen diejenigen, die ein Interesse daran haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Evangelische Kirche Hessen-Nassau hat aktuell für ihre Kirchenvorstände eine "Orientierungshilfe zum Umgang mit Rechtspopulismus" herausgegeben. Warum?

Weil wir in unseren Kirchengemeinden vor der Frage stehen: wie gehen wir mit Populismus um. Wie gehen wir damit um, dass in unserem Land Menschen öffentlich herabgewürdigt werden und man glaubt, mit einfachen Lösungen zum Ziel zu kommen. Damit werden bei uns zum Beispiel diejenigen konfrontiert, die im Besuchsdienst arbeiten. Oder die Pfarrerinnen und Pfarrer auch in den Schulen. Ihnen wollen wir eine Hilfe geben, um die Thematik zu verstehen und angemessen reagieren zu können.

Wird die Kirche damit parteiisch?

Parteipolitik wollen wir vermeiden. Aber wir wollen uns schon einmischen, wenn die Wahrheit verdreht wird und wenn Menschen diskriminiert werden.

Dürfen Kirchenvertreter Mitglied der AfD sein?

Man darf nicht Mitglied einer verbotenen Partei sein. Eine Parteizugehörigkeit an sich ist sonst kein Ausschlussgrund. Aber es kommt darauf an, welche Inhalte jemand vertritt. Wer zum Beispiel antisemitische Äußerungen tätigt, zu Gewalt aufruft und andere Menschen herabwürdigt, der kann kein kirchliches Amt ausüben - und das vollkommen unabhängig von Parteimitgliedschaft.

Müssen diese Inhalte durch die Person geäußert werden oder genügt die Mitgliedschaft in einer Partei, die für solche Inhalte steht, als Ausschlussgrund für ein Kirchenamt?

Aus meiner Sicht ist eine AfD-Mitgliedschaft für die Mitarbeit im Kirchenvorstand problematisch. Darüber würde ich aber mit dem Betroffenen ins Gespräch kommen wollen und die Betroffenen fragen, wie sie das vereinbaren können.

Es gibt zwei unterschiedliche Standpunkte zum Umgang mit Rechtspopulisten. Die einen fordern: Ihre Ängste ernst nehmen und ihnen zuhören. Die anderen fordern: Ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit schenken und klare Kante zeigen. Was schlagen Sie vor?

Man muss den Menschen immer zuhören und ihre Ängste ernst nehmen. Die Ängste bahnen sich sonst ihren Weg und kommen in Form von Hass wieder. Vielleicht müssen wir uns vorwerfen, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig zugehört haben. Und zugleich müssen wir aber auch klare Kante zeigen, wo rote Linien sind. Rote Linien sind da, wo Wahrheit verdreht wird und wo Menschen herabgewürdigt werden. Daher ist beides nötig, zuhören und klare Kante zeigen. Das ist im Moment die Herausforderung.

In sozialen Netzwerken grassiert der Hass, und die Sprache verroht. Sollen sich Christen dort in Diskussionen einmischen?

Ich finde, dass sich Christen immer einmischen sollten. Aber mit angemessener Sprache. Gegebenenfalls sollten sie auch Hasskommentare klar zurückweisen. Es geht ja um eine zivilisierte Diskussion. Die kann man auch einfordern.

Das Christentum steht für Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Ist das in der Gesellschaft und in der Politik inzwischen out?

Wir müssen immer wieder darum kämpfen, dass diese christlichen Werte hochgehalten werden. Es geht ja nicht ohne sie. Keine Gesellschaft kann in Frieden leben ohne Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Die Alternative wäre schierer Egoismus. Aber das funktioniert nicht in einem Gemeinwesen.

Populisten kapern auch christliche Traditionen und Werte, und sie kritisieren zum Beispiel die vermeintliche Abschaffung von Sankt-Martins-Umzügen und des Weihnachts-Begriffs. Wie gehen Sie damit um?

Die vermeintliche Abschaffung von Martins-Festen wird auch von der Kirchenleitung kritisiert. Da sind die Populisten nicht alleine. Vielen Christen scheint auch die Familienpolitik und die Islampolitik von Populisten attraktiv zu sein. Da antworte ich: Das Familienbild der Bibel ist sehr, sehr vielfältig. Und der barmherzige Samariter gehörte doch einer anderen Religion an! Wer also ein enges Familienbild oder eine grundsätzliche Ablehnung anderer Religionen vertritt, kann sich nicht ohne Weiteres auf die Bibel berufen.

Es gibt aber auch Schnittmengen zwischen Christen und rechtskonservativen Populisten?

Schnittmengen gibt es immer. Wir haben ja auch welche mit den Grünen, mit den Linken, zu allen politischen Richtungen. Es gibt aber auch die klare Abgrenzung. Und bei den Rechtspopulisten ist diese im Moment besonders stark, und zwar immer dann, wenn es um Menschenverachtung geht.

Der Wahlkampf zur anstehenden Europawahl im Mai wird voraussichtlich stark von Populisten geprägt werden. Steve Bannon, Ex-Berater von US-Präsident Trump, versucht, die Rechten in Europa zu einen und zu stärken. Wie wird sich die evangelische Kirche zur Europawahl äußern?

Wir werden aufrufen, an der Wahl teilzunehmen und sich im Vorfeld gut zu informieren. In vielen Dekanaten gibt es dazu auch Veranstaltungen. Mir liegt daran, das Friedensprojekt Europa zu würdigen. Was passiert, wenn wir wieder in Nationalstaaten auseinanderfallen, möchte ich mir mit Blick auf die europäische Geschichte vor 1945 gar nicht ausmalen.

 

Das Interview führte Jörgen Linker


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