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"Ich glaube. Hilf meinem Unglauben" - Jahreslosung 2020

Ein Leben ohne Beine - und "ein Sonnenschein"! Lesen Sie eine kleine Geschichte zum Bibelwort für das Jahr 2020 - über Tante Anni, ihr bemerkenswertes Leben und ihren Glauben, der sie durchtrug.

Ein Leben ohne Beine – aber „ein Sonnenschein“

 

Anni war erst gerade mal 16 Jahre alt, und das Leben lag vor ihr. Man schrieb das Jahr 1921, und die Leiden des 1. Weltkrieges waren noch gut in Erinnerung. Aber für ein junges Mädchen war doch entscheidend, dass die Zukunft offen war! Sie war fröhlich und frisch verliebt, auch übermütig und zu Späßen aufgelegt. Und so lief sie auf dem Bahnsteig von Essen-Steele neben dem anfahrenden Zug her. Die Jungs im Abteil ermunterten sie lauthals – oder muss man sagen: verführten sie? Jedenfalls versuchte sie, den Haltegriff des Waggons zu greifen, um noch schnell aufzuspringen.

 

Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, aber er sollte ihr ganzes Leben prägen. Sie rutschte ab, fiel und wurde vom Zug überrollt. Sie hat überlebt, aber beide Beine mussten amputiert werden, das eine kurz unter dem Knie, das andere gleich darüber.

 

Anni war die Cousine meiner Großmutter, für meine Mutter und mich nur „Tante Anni“. Der schreckliche Unfall und seine Folgen haben ihr Leben stark beeinflusst – wie sollte es auch anders sein?! Aber er hat es nicht alleine bestimmt. Ich denke, dass dabei zwei Gründe ausschlaggebend waren. Das eine ihr Charakter, ihr schier unbeugsamer Lebensmut. Was für ein Gottes-Geschenk! Und das andere: Ihr Glaube, in den sie von klein auf hineingewachsen war und der sie durch ihr ganzes Leben begleitet hat. Sie selber hätte sicher gesagt, dass der Glaube dabei das Wichtigere war. Und dieser Glaube sollte noch oft auf die Probe gestellt werden!

 

Die orthopädische Versorgung mit den beiden Beinprothesen war (vor nun fast 100 Jahren!) nicht einfach. Sie wurden mit komplizierten Ledergurten am Körper bis hinauf zu den Schultern gehalten und verursachten Druckstellen und anhaltende Schmerzen. Aber sie konnte sich, wenn auch mühsam, mit Hilfe nur einer Krücke voran bewegen.

 

Körperlich war sie nun stark eingeschränkt. Aber Anni ließ es nicht zu, dass ihr das Leben entglitt. Sie machte erst eine kaufmännische Ausbildung und später eine Lehre als Schneiderin. Sie wurde Meisterin und wagte die Gründung eines eigenen Betriebes, in dem zwanzig Frauen Arbeit fanden. Für sich selbst ließ sie eine eigens entworfene Nähmaschine anfertigen, die durch einen Motor und nicht durch Fuß-Pedale angetrieben wurde.

 

Annis damaliger Freund hat später eine andere Frau geheiratet und bekam mit ihr Kinder. Anni blieb ledig, aber umso mehr lagen ihr die Nichten am Herzen. In den Kriegsjahren floh sie zusammen mit ihrer kranken Schwägerin und deren beiden Töchtern vor den Bombenangriffen auf Essen nach Sachsen. Dort entgingen sie nur knapp dem Tod bei der Bombardierung Dresdens. Sie hat dann später die Töchter des gefallenen Bruders mit großgezogen.

 

In den Nachkriegsjahren fing sie im Oldenburger Münsterland wieder neu als Schneidermeisterin an. Sie gehörte dort auch zu den ersten Frauen, die in den Kirchenvorstand der Gemeinde gewählt wurden.

 

Tante Anni hat die Geschichte von dem kranken Jungen und seinem Hilfe suchendem Vater, aus der die Jahreslosung stammt, schon von Kind auf gekannt. Und sie war sicher oft dem verzweifelten Ruf des Vaters innerlich ganz nah: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Was sie im Kindergottesdienst gehört hatte, das musste sich in ihrem Leben als stark und hilfreich erweisen. Dieser Glaube war dann wahrlich kein naiver Kinderglaube mehr, sondern Halt und Stütze in den schweren Situationen und Zeiten des ganzen Lebens. Er ist zutiefst ein „Trotz-allem-Glaube“, der sich den bedrängenden Realitäten mal eher verzweifelt, mal tapfer entgegenstellt und dabei bewährt.

 

Im Alter lebte Tante Anni in meiner Heimatstadt Velbert. Im dortigen Diakonissen-Haus, der „Bleiberg-Quelle“, fand sie für sich einen Ort der Geborgenheit. Sie half gerne aus, arbeitete im Empfang mit und nähte weiter für die Menschen ihrer Umgebung. Irgendwann hatte sie keine Kraft mehr, um mit Hilfe der Krücke zu gehen. Da wollte sie zunächst keinen Rollstuhl haben. Sie saß einfach im Bett und strickte. Dann aber kam ein junger Zivildienstleistender, lockte sie mit der Aussicht auf die Frühlingsblumen in den Garten und überredete sie so doch zum Rollstuhl. Sie bekam Spaß daran und ließ sich gerne mit dem VW-Bulli zu Ausflügen und zu Besuchen fahren. So habe ich sie als Kind auch kennengelernt. Tante Anni war eine beeindruckende Frau. Na ja, sie konnte auch „ihre Touren bekommen“, wie man in unserer Familie so sagt. Aber vor allem war sie, wie es mein Vater bis heute beschreibt, „ein Sonnenschein“.

 

Anders als für den Jungen in der Geschichte der Evangelien gab es für Tante Anni keine wundersame Gesundung. Sie hatte so jung ihre Beine verloren, und sie blieben auch verloren. Aber ich bin gewiss, Tante Anni würde sagen: „Meine Beine sind wohl verloren. Aber ich bin nicht verloren. Denn ich bin von meinem Heiland gefunden worden und er hat mich getragen und gehalten. Und das hat er besonders in den Zeiten getan, wo mir der Lebensmut und alle Hoffnung völlig zerbrochen sind. Er hat mich dann so geheilt, dass ich doch wieder lachen konnte, wieder Mut und Kraft bekam, und auch wieder für andere da sein konnte. Dafür bin ich ihm von Herzen dankbar!“

 

 

 

Annegret Puttkammer

 

 

 


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