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Blog aus Italien - Teil 1

Molti Volti - Viele Gesichter

Vierzehn ehrenamtlich und vier hauptamtliche Engagierte in der Flüchtlingsarbeit von der Bergstraße über Frankfurt bis Gießen und Marburg befinden sich derzeit auf einer Begegnungsreise durch Sizilien. Die Fahrt haben das Zentrum Oekumene und die Diakonie Hessen organisiert. Das Ziel: Austausch und Vernetzung mit italienischen Flüchtlingsinitiativen. Wir informieren über diese Reise in einem mehrteiligen Blog.

„Ich sehe gewaltige dunkle Wolken am Horizont.“ So unheilvoll schildert Jens Hansen den Besuchern aus Hessen seine Prognose. Dabei geht es nicht um die wolkenbruchartigen Regenfälle, die wenig später die Straßen von Palermo unter Wasser setzen. Vielmehr zielt der Pfarrer der Waldenser-Kirche auf die aktuelle Politik der rechtspopulistischen Regierung Italiens aus Lega Nord und Fünf-Sterne-Bewegung. Die Angst unter den Flüchtlingen sei mit Händen zu greifen und auch die Sorgen der Flüchtlingsinitiativen seien spürbar größer geworden. Die Arbeit der Nicht-Regierungsorganisationen würde zusehends kriminalisiert, meint Pfarrer Hansen.

Integration offenbar nicht gewollt

Nicht nur dass private Seenotrettungsschiffe mit Flüchtlingen an Bord italienische Häfen nicht mehr anlaufen dürften, auch Initiativen, die gelungene Integrationsprojekte auf den Weg gebracht hätten, wolle die Regierung beseitigen. Als Beispiel nennt Hansen das vom Aussterben bedrohte Dorf Riace, das der dortige Bürgermeister Doemenico Lucano mit einem europaweit gelobten Vorzeigemodell wieder belebt hatte. Er quartierte dort 200 Geflüchtete aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak und anderen Kriegs- und Krisenländern in leer stehende Häuser ein und verschaffte ihnen eine Lebensperspektive. Vor zehn Tagen wurde der Bürgermeister unter fadenscheinigen Begründungen unter Hausarrest gestellt. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, den Auftrag zur Müllentsorgung in seiner Gemeinde ohne Ausschreibung an Kooperativen von Migranten vergeben zu haben. Knapp eine Stunde nach dem Gespräch mit Pfarrer Hansen erreichte uns die Nachricht, dass Italiens Innenminister Salvini angeordnet habe, dass alle Flüchtlinge Riace verlassen müssten. Sie sollen auf Flüchtlingsunterkünften in verschiedenen Regionen verteilt. Erfolgreiche Integration ist von dieser Regierung offenbar nicht gewollt.

Pfarrer Hansen erklärt, dass etwa zehn Prozent der Geflüchteten aus Afrika evangelisch seien. Die Devise der Waldenser laute deshalb: Gemeinsam Kirche sein – auch wenn es theologisch Unterschiede gebe. Zu der protestantischen Minderheitenkirche gehören auf Sizilien neun Gemeinden mit rund 450 Mitglieder, in ganz Italien sind es 30.000.

Begegnung mit vielen Gesichtern und vielen Facetten

Gemeinsamkeit ist auch die Devise des Vereins und des gleichnamigen Projekts „Molti Volti“. Das heißt auf Deutsch: Viele Gesichter. In diese Gesichter mit schwarzer und weißer Hautfarbe schauen wir in der Begegnungsstätte im Viertel Ballaro von Palermo. Es sind Gesichter, die zum Motto der Begegnungsreise passen: Europa mit menschlichem Antlitz. In Ballaro betreibt „Molti Volti“ auch ein offensichtlich gut besuchtes Restaurant, in dem Geflüchtete wie Einheimische arbeiten und in das Geflüchtete wie Einheimische als Gäste kommen. Ein Modell auch für deutsche Städte?

Malick und Lami, zwei 18jährige, die aus Gambia stammen, führen uns durch das Viertel Ballaro. Beide sind als minderjährige Flüchtlinge nach Italien gekommen und werden vom Centro Diaconale der Waldenserkirche betreut. Sie wollen vorerst in Italien bleiben und studieren.

Die beiden zeigen uns einen großen Schwarzmarkt, auf dem vom Handy über Autoreifen, Feuerwehrschläuche, CDs, in die Jahre gekommene Elektronikgeräte bis zu Kinderschuhen so ziemlich alles gehandelt wird und das zu spottbilligen Preisen. Hier kaufen Arme von Armen, die sich ein paar Euro für ihren Lebensunterhalt verdienen. Malick sagt, er gehe sehr gern hierhin, weil es ihn an seine Heimat erinnere. Doch Vorsicht sei geboten. Ein Freund von ihm habe hier ein sehr preiswertes Handy erstanden, an dem er sich aber nur sieben Monaten erfreuen konnte. Dann habe es die Polizei geortet und beschlagnahmt. Es war gestohlen.

Lami erklärt, wenn es dunkel ist, müsse man hier aufpassen, dass man nicht beklaut werde. Die Diebe, so sagt er, seien Italiener und hätten es auf Afrikaner abgesehen. Verwundert war Lami nach eigenen Angaben, dass er bei seiner Ankunft in Italien, Weiße habe betteln sehen. So etwas  habe er sich in Gabun überhaupt nicht vorstellen können.


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