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„Die Jagd ist eröffnet!“

Ende der 1970er Jahre. Wir waren Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren, eine bunte Truppe. Wir trafen uns Sonntagabends im Paul-Schneider-Heim in Velbert, meinem Heimatort. Irgendwann überlegten wir, dass wir eine Wochenend-Fahrt unternehmen wollten, und zwar in den Hunsrück. Dorthin, wo der Namenspatron unseres Jugendhauses Pfarrer gewesen war. Paul Schneiders Witwe lebte noch dort, und wir wollten sie besuchen, mit ihr reden und von ihr hören, was sie von ihrem Ehemann erzählen konnte: wie er den Nazis widerstand, wie er von ihnen verhaftet wurde, ins KZ Buchenwald kam und 1939 ermordet wurde. Margarete Schneider nahm sich viel Zeit für uns, und sie beeindruckte uns tief. Die Begegnung mit ihr und die Erinnerung an ihren Mann haben mich bis heute nachhaltig geprägt.

Seither fühlten wir uns im Paul-Schneider-Heim der Haltung dieses Mannes, der mit seinem Glauben ernst machte und den Machthabern entgegentrat, besonders verpflichtet. Auch wir wollten bibellesen, miteinander beten, christliche Gemeinschaft erleben. Und zugleich wollten wir sehr wachsam sein für das, was sich in unserer Welt tat, und wahrnehmen, wo Ungerechtigkeit herrscht, wo Menschen missachtet werden, wo sie geschunden werden. Wenn wir uns fortan sonntags trafen, legten wir wert darauf, dass wir über ein Bibelwort und über seine Deutungen diskutierten und später in der Gebetsgemeinschaft Dank und Klage teilten. Und anschließend überlegten wir, welche Folgen dies nun konkret haben solle. Etwa, was uns das Evangelium sagte angesichts der damaligen Nachrichten aus Nicaragua. Ende der 1970er Jahre herrschten dort der Diktator Somoza und sein Clan in einem wahren Schreckensregime. Das wollten und konnten wir nicht einfach übersehen, und wir sahen uns verpflichtet, öffentlich zu protestieren. Also bereiteten wir einen Infostand vor, um über die Lage der Menschen in Nicaragua zu informieren. Wir malten Plakate, entwarfen Handzettel und beantragten eine Stand-Genehmigung. Am nächsten Samstag standen wir in der Fußgängerzone. Natürlich waren dann nicht alle, die uns dort sahen, mit unserer Haltung einverstanden. Wir debattierten und argumentierten mit wildfremden Menschen. Wenn sie jünger waren, luden wir sie auch gleich zum nächsten Jugendgottesdienst ein.

Einige Jahre später, nach dem Studium kam ich nach Kleve an den Niederrhein ins Vikariat. Dort erlebte ich ähnliches: Montags trafen wir uns im Hauskreis zu Austausch, Bibelgespräch und Gebet. Wir stärkten einander im Glauben, hielten miteinander Zweifel aus, gaben Rat in schwierigen Lebenslagen. Und wenige Tage später, immer am Donnerstag, kamen nahezu dieselben Menschen zum Anti-Apartheids-Arbeitskreis zusammen. „Kauft keine Früchte aus Südafrika“, an dieser Aktion beteiligten wir uns und mahnten auf dem Wochenmarkt: das rassistische Regime am Kap wird auch durch den Einkauf von Weintrauben an der Macht gehalten. Es war für viele Evangelische in der Klever Gemeinde eben ganz selbstverständlich: „Beten und Tun des Gerechten“, wie Dietrich Bonhoeffer es formuliert hatte, gehören untrennbar zur Existenz des Christenmenschen.

Es steht für mich seit jenen Tagen fest, dass Glaube politisch ist und dass er nie unpolitisch sein kann. Jesus und sein Wort von den Friedensstiftern – die Propheten und ihre scharfe Kritik an sozialen Missständen – das Psalmwort über die Jagd nach dem Frieden: sie haben doch allesamt nicht allein den „seelischen Frieden“ im Blick, oder nur den „Frieden in der Familie“, oder ausschließlich den himmlischen Frieden im kommenden Gottesreich. Das biblische Zeugnis schärft uns vielmehr ein, dass wir hier und jetzt und heute für Verständigung und Einvernehmen eifern sollen.

Und so ist es nur folgerichtig, dass Christenmenschen auch im Jahr 2019 Position beziehen: für Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, gegen Rassismus, Unterdrückung und mörderische Waffen, für auskömmliche Löhne und sichere Arbeitsbedingungen. Das Schicksal der Vertriebenen und der auf der Flucht zerrissenen Familien kann uns nicht gleichgültig sein. Und der innere Zusammenhalt der Städte und Orte ebenso wenig.

In Kirche und Diakonie sind keine „naiven Gutmenschen“ unterwegs! Sie wissen genau, dass sie den wahren Frieden, den „Schalom Gottes“ nicht selbst werden herbeiführen können und dass sie auch immer Sünder bleiben. Aber sie schauen eben nicht aus falscher Rücksichtnahme weg, wenn Unrecht geschieht, und sie schweigen nicht aus parteipolitischem Kalkül, wenn Menschen gefährdet sind. Sie suchen auch offen die Diskussion, prüfen sich selbst und lassen sich korrigieren, wenn sie falsch liegen. Sie informieren sich umfassend über die Hintergründe und positionieren sich nicht vorschnell. Sie wählen ihre Worte so, dass sie andere nicht bewusst verletzen.

Ich bin überzeugt: fromm sein und politisch denken, das sind keine Gegensätze, im Gegenteil. Christus ruft uns doch auf, Friedensstifter zu sein. Und die Jahreslosung feuert uns an, der Versöhnung regelrecht nachzusetzen. Also: „Die Jagd ist eröffnet!“ Lassen wir uns anspornen, in Gottes Namen!

Annegret Puttkammer, Pröpstin für Nord-Nassau, EKHN

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